Nr. 3 September 2007

Wallfahrten eines Protestanten (Fortsetzung)

Vor 20 Jahren wohnte ich eine Woche in Assisi, der Stadt des "Poverello" Francisco von Assisi. In seiner Jugend ein leichtlebiger Adliger, änderte er schlagartig sein ganzes Leben, verschenkte sein Vermögen und lebte fortan in Armut und Demut. Er muss eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein, denn schon bald fand er Anhänger. Einer von ihnen, Thomas von Celano, beschreibt ihn als "heiter im Geist, sanftmütig in der Seele, ausdauernd im Gebet, immer voller Eifer..." Die Legenden um ihn sind in dem schönen Büchlein "Fioretti" (Die Blümlein des Heiligen Franziskus) gesammelt. Sein "Sonnengesang" ist eine der schönsten und eindrucksvollsten Hymnen der Christenheit - ein einziger Lobpreis der Schöpfung. Schlendert man durch die engen Gassen des Städtchens, das sich im Kern seit dem Wirken Franciscos wohl nur wenig verändert hat, würde es einen kaum überraschen, wenn er plötzlich um die nächste Ecke kommen würde.
Immer wieder zog es mich in seine Grabeskirche San Francisco mit den wundervollen Fresken von Giotto, die leider beim schweren Erdbeben vor einigen Jahren stark beschädigt wurden, und immer wieder saß ich bewegt vor seinem schlichten Grab. Zu seiner Klause am Monte Subiaso, die er "Carceri" (Kerker) nannte, wanderte ich und stand vor seinem in den harten Felsen geschlagenen "Bett". Auch seine winzige Hütte im Tal besuchte ich, über der in völlig unpassender Weise eine ziemlich protzige Basilika errichtet ist, über die der "Poverello" (der Arme) bestimmt sehr ungehalten gewesen wäre. Aber vielleicht macht gerade dieser Kontrast seine wahre Größe in Armut und Demut sinnfällig.

Heinz Leukel

Liebe Scheerstaaner,
liebe Mitglieder unserer Christophorusgemeinde,

protestantische Wallfahrten zu diesem Mann, Ausflüge in seine Biographie sowie an seine Lebens- und Wirkungsstätte finde ich persönlich äußerst verheißungsvoll und fruchtbringend. Schließlich war er derjenige, der in radikalster Weise durch Wort und Lebenszeugnis die Kirche seiner Zeit an ihre Ursprünge im Evangelium Jesu Christi erinnerte.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht im IV. Laterankonzil angekommen, warf Franziskus die Kirche auf ihr eigentliches Wesen zurück: frei von der Beschwernis durch Macht und Besitz die unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes an Menschen und Kreaturen zu verkünden. Franziskus hat dies in unnachahmlicher, tief persönlicher und aufopfernder Weise getan. Er hat verwirklicht, was ihm vom Himmel her gesagt wurde:

Foto: Franziskus von Assisi
Peter Paul Rubens: Detail aus
"Die letzte Kommunion des Heiligen Franziskus von Assisi"

 

"Repara ecclesiam meam!" "Richte meine Kirche wieder auf!" Indem er der Kirche die ihrem Wesen entsprechende Schlichtheit und Armut vor Augen führte, hat er den menschgewordenen Gott, Jesus Christus, wieder kraftvoll zu Menschen gebracht. Er hat dabei unglaublich große Lebensfreude verbreitet: Freude an der Schöpfung, Freude an dem grenzenlosen Leben, das Gott den Seinen schenkt. Freude an der Liebe Gottes, die allen Geschöpfen gilt. Eine Freude, die er so wenig zurückhalten konnte, dass er sogar den Tieren in der Natur draußen Predigten hielt.

Franziskus erinnert uns, dass die Kirche Christi nicht vom "Haben" lebt, sondern von ihrem glückseligen "Sein in Gott". Sein Geist strahlt bis heute aus, steckt bis heute an, lässt uns etwas von der befreienden Kraft des Evangeliums ahnen. Er macht allen, Protestanten wie Katholiken, Lust darauf, die Nachfolge Christi zu wagen. Denn sein Leben zeigt: es lohnt sich. Auch heute noch.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pfarrer Jörg Mohn



Reformation
   

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