Die Geschichte der Christophoruskirche

Im 18. Jahrhundert war die alte aus dem 9. Jahrhundert stammende Schiersteiner Kirche derart baufällig geworden, dass im Januar 1752 Teile des Kirchturms einstürzten. Zu dieser Zeit dachte man in der Gemeinde bereits seit einigen Jahren über einen Kirchenneubau nach, da das alte Gebäude auch zu klein geworden war.
Einen Bauplatz hatte die Gemeinde schon seit dem Jahre 1750. Anselm Franz von Ritter zu Groenesteyn besaß in Schierstein ein Landgut und schenkte der Kirche einen Gemüsegarten. Der kurmainzische Kämmerer, Geheime Hofrat, Hofmarschall und Oberbaudirektor war ein Freund Balthasar Neumanns; neben einigen Mainzer Bauten war er beteiligt am Bau des Schlosses von Bruchsal und der Residenz in Würzburg und baute die steinerne Balustrade am Biebricher Schloss.
Sein Porträt ist in der Sakristei der Christophoruskirche zu besichtigen.

Nachdem Baupläne des Bauinspektors Johann Georg Bager als zu zu groß und zu teuer vom Fürsten Karl von Nassau-Usingen abgelehnt worden waren, entwarf Johann Scheffer, ein Jurist in der von Fürstin Charlotte-Amalie neu organisierten Konsistorialverwaltung einen billigeren Grundriss, der vom Fürsten genehmigt wurde. Der Barockarchitekt von Ritter steuerte Vorschläge bei, insbesondere bei der Innendekoration.
Die Gemeinde setzte sich bei der Herstellung von Kanzel und Altar gegen Scheffer durch. So wurde der Frankfurter Bildhauer Johann Daniel Schnorr damit beauftragt, der vom Frankfurter Handelsmann und Bankier Johann Georg von Schweitzer empfohlen worden war.
Von Schweitzer, Mitglied der Frauensteinische Gesellschaft, jener Frankfurter Patrizierfamilien, die in Schierstein Besitzungen hatten, gestattete bereits 1748 in seiner Eigenschaft als Frankfurter Bürgermeister, dem Schiersteiner Pfarrer eine Sammlung in der freien Reichsstadt, die 604 Gulden und 4 Albus erbrachte, der Grundstock für den Bau der Kirche.
An der Kanzel brachte Schnorr drei Wappen an. In der Mitte das Wappen der Landesherrschaft, rechts der Schiersteiner Reichsapfel mit einem Kreuz und links das Wappen des Frankfurter Gönners von Schweitzer. Sein Wappen ist auch am rechten Chorgestühl zu finden, ebenso das Wappen der Langwerth von Simmern, Inhaber des Kirchenpatronats. Ein Portrait des Frankfurters befindet sich in der Sakristei.
Nach der Kirchenbaulehre von Andrea Pozzo orientiert sich die Gestaltung an Biblischem. Der Dreiklang von Altar, Kanzel und Orgel resultiert aus der Gleichgewichtung von Sakrament, Wortverkündung und Musik.
Über der Kanzel befinden sich drei Putten, die den Glauben (Kelch), die Hoffnung (Anker) und – erhöht zwischen Glaube und Hoffnung – die Liebe (Gebote) verkörpern (1. Kor. 13,13: “Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen”).
Die vier korinthischen Säulen des Altarraumes symbolisieren die vier Evangelisten, die zwölf, die Emporen tragenden, dorischen Säulen stehen für die zwölf Apostel.

Bei der Restaurierung 1962/63 kamen die ursprünglichen Rokokofarben zum Vorschein. Nach der Lehre von Pozzo soll schwarz die Gemeinde an die Vergänglichkeit erinnern. Gelb steht für den Widerschein des göttlichen Lichts, Blau stellt das Meer dar und Braun steht für den (aus Erde gemachten) Menschen.
Gekrönt wird das Bauwerk von einem kunstvoll geschwungenen Dachreiter. Scheffer hatte aus Kostengründen auf einen steinernen Turm verzichtet und stattdessen einen kleinen hölzernen Glockenturm vorgesehen. Der Turm wurde im Osten auf dem Dachstuhl positioniert, damit direkt hinter der Kanzel geläutet werden konnte.

Bei der Kostenabrechnung stellte man fest, dass die Kosten des Kirchenbaues mit 9006 Gulden um fast das Doppelte den Kostenvoranschlag übertrafen. Doch waren die Kosten durch Einnahmen von 9262 Gulden gedeckt, die sich aus Darlehen, Kollekten (vor allem aus der Frankfurter Sammlung), Spenden und Zuschüssen zusammen setzten; dazu kamen Erlöse aus dem Verkauf verwertbarer Materialien der eingestürzten alten Kirche. Die Grundsteinlegung erfolgte am 3. Mai 1752. Zum Richtfest am 9. November 1752 verfasste der damalige Pfarrer Philipp Bernhard Schwarz (Pfarrer in Schierstein von 1736 bis 1783) ein 27strophiges Festgedicht:

Wir haben keine Müh’ gesparet
Mit Hauen, Zirklen und Poliern.
Die Zeit, so alles offenbaret,
wird unsern Fleiß mit Ruhme ziern.
Die Nachwelt wird ein Zeuge sein,
die allhier gehen aus und ein.

Am 15. September 1754 konnte die feierliche Einweihung der Kirche erfolgen. Die Gemeinde traf sich um 10 Uhr am Pfarrhaus. In vier Gruppen zog man in die Kirche ein: zuerst die Schulkinder mit Schulmeister Cramer, danach die Ledigen des Ortes, die ein Brautpaar begleiteten, ihnen folgten Pfarrer Schwarz und sein Diakon Johannes Bechstadt,der Wiesbadener Kircheninspektor, der die Einweihung vornahm, die Pfarrer von Erbenheim, Kloppenheim, Dotzheim und Wiesbaden, der Schulrektor von Wiesbaden und die Kirchensenioren mit den Kirchenschlüsseln, Opfersäckchen, Altar- und Tauftüchern. Die Gemeinde bildete die vierte Gruppe und wurde geführt vom Schultheiß (Bürgermeister) und den Schöffen.
Die wohl schönste Rokokokirche Hessens ist Heimatkirche der Schiersteiner Kantorei und Mittelpunkt der von Kantor Martin Lutz ins Leben gerufenen Wiesbadener Bachwochen.

Eine Beschreibung der Kirche finden Sie auch auf Wikipedia.de und auf der Seite der Schiersteiner Kantorei.