Requiem auf eine Linde

Vor 60 Jahren fiel die alte Linde vor unserer Kirche

 

Heute reckt vor der Christophoruskirche eine prächtige Linde ihre Äste in den Himmel - so, als sei sie schon immer dagewesen. Doch das täuscht: Es gab einen Vorgänger-Baum, der 1966 einem schweren Sturm zum Opfer fiel. Was damals passierte, erzählt der Sonderdruck "Requiem für eine Linde" aus dem Familienarchiv von Kirchenvorstandsmitglied Simone Grün, die dazu anmerkt: "Ich erinnere mich auch noch daran. Dieses Blättchen wurde damals zu 1 DM verkauft, um Spenden für eine neue Pflanzung zu sammeln." Die Geschichte von damals können Sie hier nachlesen: 


"Mit folgendem Nachruf wendet sich der Schiersteiner Kirchenvorstand an die Gemeinde: 

Am Abend des 22. Mai 1966 gegen 21 Uhr ist die von uns allen geliebte Linde an der Kirche von einem Wirbelsturm gestürzt worden. Ein starkes Gewitter zog vom anderen Rheinufer herüber, hatte dort aber bereits seinen Zorn entfesselt. Wir beobachteten Blitze. Da fegte plötzlich ein Sturm über unseren Ort, rüttelte an Fensterläden und Reklameschildern, hob den großen Ast unserer Linde hoch, drehte ihn riß ihn vom Stamm. Gleich danach fing es an zu regnen. Das Ächzen des sterbenden Baumes und die Wucht, mit der das Blattwerk zu Boden geschleudert wurde, holten die erschreckten Nachbarn an die Fenster. Als wir ahnten, was in der strömenden Finsternis geschehen sein könnte und hinauseilten, lagen die Zweige des großen Astes zehn Meter hoch auf dem linken Rasen der Kirche und über die Mauer in das Paradiesgäßchen hinein.. Herbeigerufene Polizei verhütete Unfälle, die Feuerwehr wurde verständigt. Was wir mit der Taschenlampe und später mit Scheinwerfern feststellten: Kein Mensch war zu Schaden gekommen, das Denkmal war vom Ast umarmt, aber nicht berührt worden. Seltsames Bild: Das heitere Mädchen auf seinem Postament eines Ozeans von Blättern. 

Dann kam die Feuerwehr, sägte die Äste ab, die in das Pardiesgäßchen hinabragten und überließ uns dann wieder unserem Kummer. 

So endete dieser Sonntag Exaudi, der als Freudentag begonnen hatte, denn wir hielten Konfirmation. Nach dem Gottesdienst wurden viele Kinder unter der Linde photographiert. Wer von Ihnen hatte an diesem strahlenden Sonnentag geahnt, dass sich über ihm zum letztenmal das grüne Dach der Linde ausbreitete?

Wir hatten das Unheil seit Jahren kommen sehen. Wir sahen das Loch im Stamm und dass sich der große Ast lösen wollte. Um den Baum in sachverständige Pflege zu bekommen, wollten wir ihn unter Naturschutz stellen lassen. Damals hatte der Magistrat gerade den zuständigen Ausschuss aufgelöst, Oberbürgermeister Buch kam nicht dazu, einen neuen zu gründen und teilte uns schließlich auf unser Drängen mit, die Pflege des Baumes sei mit einer Unterstellung unter den Naturschutz nicht verbunden. So erbaten wir wenigstens Beratung vom Amt für Landwirtschaft und Forsten. Nach vielen Schreiben und telefonischen Anrufen kam schließlich Dr. Lang, prüfte und bezeichnete unsere Befürchtungen als unbegründet und laienhaft. Es sei gar keine Gefahr zu befürchten, es genüge, wenn einige trockene Äste entfernt würden. Diesen Dienst tat uns die Feuerwehr. Wir wagten hinterher nicht, das Loch mit Beton auszfüllen, weil man uns versichert hatte, es sei bedeutungslos und wir fürchten mussten, gerade damit dem Baum zu schaden. Wir wagten es nicht, durch Eisenringe den großen Ast an den kaum größeren Stamm zu schmieden und konnten wegen des unmöglichen Winkels diesen Ast auch nicht vom Boden her stützen. Ungezählte Male betrachteten wir dieses nach unserer Ansicht kranke Wahrzeichen Schiersteins, das doch gar nicht krank sein wollte: Vierundvierzig Meter hoch schob es seine Hunderte von Zweigen, seine Millionen Blätter in den Himmel hinauf - 

Der Baum war mehr als 300 Jahre alt. Als unsere Vorfahren 1750 die Baugrube für die Kirche aushoben, die dortigen Bäume fällten, ließen sie in diesem ehemaligen Gemüsegarten der Geschwister Ritter die Linde stehen, obwohl sie hier das Gelände auffüllen mussten. Sie muss sie damals schon mit Bewunderung erfüllt haben, sonst hätten sie hier kein Ruheplätzchen für die Kirchgänger vorgesehen. 

Die Linde ist bereits den Germanen heilig gewesen. Eine Dorflinde zu besitzen war allgemeiner Wunsch. Wir besaßen eine Linde. Sie stand nicht auf einem Marktplatz, aber wissen wir denn, wieviel Tänze, wieviel Sehnsüchte dieser Baum gesehen hat, wieviel Liebesleute unter ihm gesessen, wieviel stille, nachdenkliche Stunden er seit dreihundert Jahren unseren Vorfahren ermöglichte? "Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum." Für uns hieß es: "Am Tore bei der Kirche, da steht ein Lindenbaum, ich träümt' in seinem Schatten gar manchen süßen Traum."

Manche Menschen, die dann gekommen sind, haben geweint und keiner schämte sich seiner Tränen. Uns allen war, als hätten wir einen vertrauten Freund verloren. Es war nur ein Baum - gewiß - aber auch an einem Baum kann des Menschen Herzen hängen. 

Unsere Fluss-Pioniere haben die "Trümmer" weggeräumt. Die Feuerwehr hat am 23. Mai den Hauptstamm abgesägt, weil er jetzt für die benachbarten Häuser eine Gefahr bedeutete. Nun liegt das Holz hinter dem Christophorushaus. Was soll damit geschehen? Die Bildhauer sind nach Lindenholz begierig, weil man aus ihm besonders lustige Figuren schnitzen kann. 

Der Rest des Stammes ragt jetzt zerrissen in die Luft. Es sieht aus, als sei er von einer Bombe zerrissen worden, wie eine Hausruine aus dem Kriege. 

Der Kirchenvorstand"