Wort an die Gemeinde

„Du bist ein Gott, der mich sieht.“


Liebe Schwestern und Brüder,

„Sie hat es nicht leicht, die Ägypterin Hagar. Denn sie ist eine Sklavin. Sie steht in der Hierarchie ganz unten, muss tun, was andere ihr befehlen und hat selber nichts zu sagen. In ihrem Leben fühlt sie sich nicht zuhause. Irgendwann hält sie es nicht mehr aus, rennt weg, flieht in die Wüste. Dort kommt sie zur Ruhe und wird angesprochen. Von einem Engel, von Gott. Ihr wird klar: Gott geht mit, vor ihm braucht sie nicht zu fliehen, vor ihm braucht sie sich nicht zu verstecken. Gott weiß, wie es ihr geht – und sieht sie an, nimmt sie wahr, so wie sie ist.

„Du bist ein Gott, der mich sieht“ – so nennt Hagar ihren Gott.

So lautet auch die Jahreslosung für das Jahr 2023 (1. Mose 16,13). Gesehen werden – das ist ein Bedürfnis, das wohl jeder Mensch hat. Gesehen werden, das heißt: jemand, interessiert sich für mich, sieht mich an, hält meinem Blick auch einmal stand. Wer mich so ansieht, der meint wirklich mich. Gott sieht mich an. Sein Blick zeichnet mich aus, macht mich besonders. Ebenso sieht Gott jeden anderen Menschen an, zeichnet ihn aus, macht ihn besonders.

Diesen Blick haben in diesen Zeiten so viele Menschen nötig. Ich denke an die Frauen, die mit ihren Kindern aus den umkämpften Gebieten der Ukraine fliehen. Sie kommen oft nur mit einer Tasche und ohne Sprachkenntnisse bei uns an. Ich denke an die Frauen im Iran, die seit Wochen auf die Straße gehen. Sie riskieren für die Menschenrechte ihr Menschenleben. Ich denke an die Frauen und Männer in Kliniken und in den Pflegestationen. Seit Monaten tun sie über alle Krankheitswellen und Feiertage hinweg Dienst - oft am Rand der eigenen Erschöpfung. Sie alle haben einen besonderen Blick mehr als verdient und so bitter nötig.

Die Jahreslosung für 2023 lädt nun ein, jede und jeden wahrzunehmen. Und mit Gottes Blick auch auf andere zu schauen und zu hören. Achtsam für das Empfindsame, Verletzte, Einsame oder Hilfsbedürftige in anderen Menschen zu sein. Zu erleben, wie bereichernd es ist, wenn Gott selbst mich wiederum durch die Augen jenes anderen Menschen ansieht.

Für 2023 wünsche ich mir, dass wir etwas von diesem göttlichen Blick in die Welt tragen. Ein Blick der sagt: Ich sehe dich, ich interessiere mich für Dich. Ich weiß, dass Du wertvoll und wichtig bist. Für mich bist Du Gottes geliebtes Geschöpf. Und ich wünsche mir, dass wir uns ansehen lassen von Gott - so wie wir sind: mit allem, was uns ausmacht.“

Mit diesen wunderbaren Gedanken von Ulrike Scherf, der stellvertretenden Kirchenpräsidentin der EKHN, wünsche ich Ihnen allen ein gutes, gesegnetes Jahr 2023 – voller besonderer Augen-Blicke.

Ihr/Euer
Pfarrer Dr. Jörg Mohn

 

Bild: © Manuela Bodensohn/fundus-medien.de