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Wo ist Gott?
Mit dieser Frage befasste sich meine erste Predigt in der Christophoruskirche am Sonntag Rogate im letzten Monat. Blickt man in die Welt, so legt sich diese Frage nahe.
Ein Anlass zum Fragen ist, wie sehr viele Gesellschaften mit Armut und sozialer Ungerechtigkeit kämpfen. Auch hier in Deutschland wird die Schere zwischen Aufsteigern und Abgehängten täglich größer. Egal ob es die arme Rentnerin trifft, die im hohen Alter die magere Rente mit einem Minijob aufstocken muss, den jungen Schüler, der am Leistungs- und Vergleichsdruck in der Schule und den Sozialen Medien zusammenzubrechen droht, oder aber die junge Erwachsene, für die der Traum eines Eigenheims für immer auch ein Traum bleiben wird.
Der Monatsspruch lautet:
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebr. 13,3)
Klar ist, dass wir Christinnen und Christen uns auf der Seite der Gefangenen und Misshandelten positionieren wollen. Klar ist auch, dass das im Alltag meist viel zu kurz kommt.
Doch hinzukommt, dass wir selbst als Mitgefangene und Leibhafte im Text vorkommen. Denn auch die Rentnerin, der Schüler und die junge Erwachsene sind Gefangene. Sie sind Gefangene der Welt und der Strukturen, die ihrem Leben Grenzen aufzeigen.
Viel zu schnell laden solche Bibeltexte dazu ein, sie als Aufforderungen und Lösungen für Probleme zu verstehen: Wenn wir Christinnen und Christen an die Gefangenen denken, dann wird das alles schon werden – oder zumindest haben wir uns dann als gute Menschen erwiesen. Doch die Grenzen, das Leid und der Schmerz bleiben trotzdem.
Wo ist Gott?
Ich glaube, dass Gott schon längst bei allen Gefangenen, bei allen Mitgefangenen, bei allen Misshandelten, ja bei allen ist, die verletzt oder gefangen sind. Wenn ich also das nächste Mal einen Menschen sehe, der in Not ist oder Hilfe braucht, dann hat Gott mir diesen Menschen vielleicht nicht zuerst geschickt. Ich glaube, Gott war schon längst dort, bevor ich sie oder ihn überhaupt gesehen habe.
Herzlich Ihr/Euer
Vikar Jan Thies Feußner


