„Ich bin, der ich bin.“

Das Wort an die Gemeinde im Juli


Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Schwestern und Brüder,

in einem Buch des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Jan Fosse wird folgendes erzählt:

Ein Mann fährt los, beginnt die Novelle. Weil ihm langweilig ist, setzt er sich in sein Auto und fährt. Ohne Ziel. Schließlich fährt er den Wagen in einen Graben. Irgendwo im Wald. Es ist dunkel und schneit ein wenig. Der Mann ist ratlos, ob er wieder aus dem Wald herausfinden wird.

Auf einmal begegnet ihm ein Leuchten. Meint er jedenfalls. Ganz sicher ist er sich nicht. Er weiß nicht mehr, was wirklich ist und was er fantasiert. Das Leuchten aber wird deutlicher. Es kommt ihm vor wie eine Gestalt; es flüstert sogar, meint der Mann. Das Flüstern wirkt warm, es kommt ihm wie „Liebe“ vor. Er fragt die leuchtende Gestalt: Warum folgst du mir? Die Gestalt antwortet: Das kann ich nicht sagen. Der Mann fragt noch einmal: Wer bist du? Die Gestalt antwortet ihm: Ich bin, der ich bin. Der Mann denkt: Das habe ich schon mal gehört.

Nun, so intensiv und klar ist mir Gott unterwegs noch nicht begegnet, aber es gibt schon besondere Erfahrungen, die man unterwegs und auf Reisen machen kann. Wie viele andere mache ich solche Erfahrungen öfters am Meer, zu dem es mich von Kindheit an hin- und auch hineinzieht. Es gibt da einen ganz besonderen Ort, in Porto, am Atlantikstrand. Da ist an einer Stelle eine steinerne Plattform, erreichbar nur über einen schmalen Mauerweg, hinausgesetzt in die tosende Atlantikbrandung. Je nach Wetterlage wird die sogenannte „Molhe“ mehr oder minder von den Brechern überspült. Dort an diesem Ort habe ich schon oft gesessen und mich ganz losgelöst gefühlt von allen alltäglichen Sorgen und Plänen. Und habe mich dem Schöpfer sehr nahe gefühlt, und auch meine Winzigkeit in jeder Hinsicht gespürt. Ähnliches habe ich auch von anderen schon gehört.

Wo machen Sie, wo macht Ihr, liebe Leser, ähnliche Erfahrungen, auf Reisen oder auch zu Hause unterwegs?

Wo auch immer Sie den Sommer verbringen, ich wünsche ein offenes Herz für Begegnungen mit Gott.

Ihr/Euer

Pfarrer Dr. Jörg Mohn

Foto: Der Leuchtturm in Porto.