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Die Dornenkrone
Ein Zeichen der Hoffnung.
Liebe Schwestern und Brüder,
der Monat März führt uns hinein in die Passionszeit – eine Zeit der Buße, der Umkehr und des bewussten Mitgehens auf dem Weg Jesu zum Kreuz.
Ich möchte mit Ihnen heute ein Erlebnis teilen, das ich im Rahmen einer Pilgerreise nach Rom im Mai vergangenen Jahres hatte. In einer der wunderschönen römischen Kirchen gastierte eine Ausstellung zum Turiner Grabtuch, in der auch das im Titelbild zu sehende Modell einer Dornenkrone gezeigt wurde, wie sie nach Meinung von Experten ausgesehen haben könnte.
Diese Krone bedeckte den Kopf, anders als in der Kunst oft dargestellt, nicht als Kranz, sondern eher wie eine Kappe oder ein Helm. Sie könnte aus Dornen der Pflanzen Ziziphus spina-christi (Syrischer Christusdorn) und Rhamnus lycloides bestehen, die rund um Jerusalem wachsen. Die Dornenkrone durchbohrte die Haut und drückte auf die darunterliegende Knochenplatte. Wunden durch diese Dornen waren besonders schmerzhaft.
Den Evangelien zufolge krönten die römischen Soldaten Jesus, um ihn als König der Juden zu verspotten, und schlugen ihm auf den Kopf. Jesus ist dabei der einzige Mensch in der Geschichte, der sowohl mit Dornen gekrönt als auch gekreuzigt wurde. Die Wunden der Dornenkrone bluteten wahrscheinlich stark. Der Kopf des Mannes auf dem Grabtuch ist zumindest mit etwa 50 Wunden bedeckt, die von einer Dornenkrone stammen könnten. Neben dem körperlichen Schmerz, den die Dornen verursachten, indem sie durch die Haut stachen und auf die darunterliegende Knochenplatte drückten, verhöhnte die Dornenkrone auch Jesu Behauptung, der Messias zu sein.
Die Krone steht damit für den unvorstellbaren Schmerz und das Leid, den Spott und die Ohnmacht, die Jesus auf sich genommen hat – und zugleich für die unfassbare Tiefe seiner göttlicher Liebe. Im Abschnitt aus dem Markus-Evangelium und der darin geschilderten Szene verbinden sich menschliche Grausamkeit und göttliche Hingabe auf erschütternde Weise:
„Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast (...) und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm auf und fingen an, ihn zu grüßen: Gegrüßet seist du, der Juden König! Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt.“ (Markus, 15,16-19)
Die Dornenkrone erinnert uns daran, dass Christus den Weg der Erniedrigung freiwillig gegangen ist. Was jedoch als Zeichen des Spotts gedacht war, wurde zum Zeichen der Hoffung: Gott ist auch im Leid gegenwärtig. Die Passionszeit lädt uns ein, innezuhalten und unser eigenes Leben im Licht dieses Ereignisses zu bedenken.
Eine besondere musikalische Annäherung an das genannte Geschehen erwartet uns in dem Konzert „La Passione“ von Antonio Salieri am nächsten Wochenende. Sein Werk deutet das Leiden Christi auf eindrucksvolle Weise musikalisch aus und eröffnet einen Raum, in dem Klage, Schmerz und Hoffnung miteinander klingen. Eine ganz herzliche Einladung, sich durch Wort und Musik berühren und stärken zu lassen – auf dem Weg durch diesen besonderen Monat der Passion.


